Selbstbeweihräucherung? (2017: 168)

Begegnung der unerwarteten Art.

To get a Google translation use this link.

 

Das – DAS! – Gute des heutigen Tages muß ich hier beschreiben. Denn ein Mann mit sehr gepflegtem Bart und Kinderwagen sprach mich mit fränkischem Akzent (stimmt doch, oder?) in der Straßenbahn der Linie 3 vom Markt zum Moritzburgring an: er läse mich oft (immer?) und wolle mir danken. Mir? Ja, denn ich sei doch Emil und er dankt für die Gedanken, die ich in meinem Blog so teile. — Ich werde auf der Straße erkannt und angesprochen, weil ich blogge. Puh. Das war schon sehr … sehr positiv schockierend, bauchpinselnd. Ich glaube, ich glühte röter als die sprichwörtliche OSRAM-Birne, als ich die Bimmel verließ und versprach ihm, daß genau das heute mindestens in meinem “Das Gute am … war” auftauchen würde.

 

So habe ich wohl noch keinen Blogtext begonnen.

Auf dem Weg von der Haltestelle zum Sender fragte ich mich dann, ob das jetzt dieses “bekannt” ist (genauer gesagt, das “berühmt”). Doch nein, das darf es nicht sein, denn damit kann ich beim besten Willen nicht umgehen. Ich will doch nur meinen Stiefel machen, meinen Kram aus dem Kopf haben, Fragen, Phantasien, Ideen, Anfänge und Schnodderigkeiten in die Welt schreiben, Herzschmerz rauslassen und Sehnsucht gestehen. Also all das, was alle Menschen jeden Tag tun und wovon ich mich lange Zeit von meiner Krankheit abhalten ließ. Aber heute war eben dieses besondere erste Mal, eines, das ich nicht vergessen kann und will. Und heute war auch die Diskussion um “meine” Schuldfrage, mein Weiterdenken all der Kommentare, das Lesen von anempfohlenen Texten, mein Geständnis meines Nicht-Schuldig-Fühlens an meiner Flucht/meinem Untertauchen/meinem Verantwortungsleugnen und -ablehnen.

Ob ihr es mir glauben wollt oder könnt: Heute dachte ich über Sinn und Zweck meines Blogs nach. Gestern Abend noch suchte ich nach der passenden Form, weil sich die als besonders geeignet beworbene Kladde zerlegt und ich noch keine wirklich mir gefallende fand, weil mir keine meiner Schriften (Sütterlin, drei verschiedene lateinische Schreibschriften, Kapitälchen) und keine der Schriftfarben im Moment wirklich zusagt. Heute dachte ich – und ich weiß nicht, zum wievielten Male – über Sinn und Zweck meines Bloggens, meines Schreibens nach. Ein Buch? Ein Roman? “Hochliteratur”? — Ich weiß es nicht, ich habe nichteinmal eine Ahnung davon. Ich weiß nur, daß es mir guttut, wenn ich etwas schreiben kann/konnte, wenn ich mein Hirn duch Aufschreiben entlasten kann/konnte. Das fällt mir noch mehr auf in den anderen Blogs/Webpräsenzen, die ich betreibe, die spezialisierter sind auf nicht Sanlonfähiges. Es sind die Sachen, die mir helfen, mich entlasten, deren Freilassen mir Freiraum zumindest in meinem Kopf verschafft.

 

Du hast meinen Tag gründlich durcheinandergebracht. Sollte ich Dich wiedersehen, so werde ich Dich und Deine Familie auf ein Eis einladen und auf ein paar Minuten Gespräch, so Du gestattest. Und ganz gleich, welche Rückmeldungen ich bisher bekam (da ist auch noch eine unbeantwortete Mail, war das Deine?), diese war besonders, sehr besonders. Danke. Du merkst und liest vielleicht, daß mir das wirklich verdammt viel bedeutet; ich danke Dir. Boah, was hat mich das im wahrsten Sinn des Wortes aus der (Straßen-)Bahn geworfen …

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 17.06.2017 waren das oben beschriebene Erleben, ein erhaltenes Versprechen, eine halbe Verabredung.
 
Die Tageskarte für morgen ist IX – Der Eremit.

© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Advertisements

Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
Dieser Beitrag wurde unter 2017, Erlebtes, One Post a Day abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Selbstbeweihräucherung? (2017: 168)

  1. puzzleblume schreibt:

    Ein bißchen Beweihräucherungswunsch steckt doch in jedem Bloggerherzen, bloß nicht in jedem der Mut, auf Verdacht jemanden anzusprechen und ihm zu offenbaren, dass man im realen Leben die Gedanken zu lesen schätzt, weil sie einem tatsächlich etwas geben, und nicht nur einen Kommentar oder ein Like im Austausch gegen Blogkommunikation bedeuten, was immer das für den einen oder anderen bringt. Ich finde diesen Leser darum auch großartig.

    Was bedeutet dir die Identifikation mit einem bestimmten Schrifttyp? Wählst du nach Stimmung, quasi als sichtbares Kleid für Gedanken einer Gefühlslage und wechselst dann, oder bleibst du bei einem Typ pro Daseinsphase und kommst so ab und zu an eine Schwelle zu einer Neuerung?

    Gefällt 1 Person

  2. Sofasophia schreibt:

    Hey, schön. Schreiben ist allerweil besser als auf IKEA-Betten einzuschlafen. 😉

    Gefällt 1 Person

  3. galip schreibt:

    Hallo! Ich bin derjenige, welcher (Gegenprobe: Ich hatte einen Hut auf). Es hat mich gefreut, heute kurz mit Dir zu sprechen, und es freut mich noch viel mehr, daß Dich mein kleiner Dank so gefreut hat! Ich melde mich hier morgen noch einmal mit ein paar mehr Sätzen (beispielsweise das mit dem fränkischen Akzent müssen wir noch klären!). Gute Nacht!

    Gefällt 2 Personen

  4. wildgans schreibt:

    So etwas ist mir noch nie passiert – oder schon öfter, weil ich inzwischen einige meiner Leser persönlich kenne. Ist aber was anderes, denn fremde Leser kennen mein Aussehen nicht, du aber hast einen außergewöhnlichen, nicht ganz unauffälligen Habitus!


    https://polldaddy.com/js/rating/rating.js

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s