Bei der Inthronisierung wieder“gefunden” (2017: 184)

Wirklichkeitstrivialität.

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Manchmal, manchmal spielt das Leben seltsame Spiele mit mir, davon bin ich überzeugt. Hatte ich doch gerade erst preisgegeben, daß mir der Rezzori durch das Ihm-im-Netz-Hinterhersuchen verleidet war. Heute morgen – ich hatte vergessen, anderen Lesestoff zur Inthronisierung mitzunehmen – mußte ich ihn zur Hand nehmen, schlug das Buch auf, begann zu lesen … Und da war sie wieder, diese Sprache, dieser philosophisch durchsetzte Rückblick, dieses durchschauende Draufblicken auf seine eigene Schriftstellerei. Ich nahm das Buch mit zurück an den Frühstückstisch, las in der Bahn, las an den Haltestellen. Er hatte mich wieder eingefangen, der gewitzte alte Mann, der schrieb, was nie geschrieben werden sollte:

 

 

» Das Geschehende geschieht. Es geschieht mit uns über uns hinweg. Selig sind die Armen im Geiste, die's nicht merken und meinen, es wäre in ihrer Macht, es zu bestimmen. Die zwar toben und heulen, wenn sie merken, daß ihre Macht versagt, dann aber sich dem Schicksal mit stolzer Miene beugen, als wär's eine Heldentat gewesen, ihm zu trotzen. Tragisch aber ist's um diejenigen bestellt, welche nicht nur im nachhinein voraussehen, daß das Schicksal Plattfüße hat. Daß die Romane, die das Leben schreibt, höchst selten so verlaufen wi jene, die Autoren schreiben. Sie, die Tapferen, die das Triviale der Wirklichkeit kennen und trotzdem sich aufmachen, sie zu besiegen, erscheinen mir als wahre Helden. «

Gregor von Rezzori: Mir auf der Spur. S. 205
1. Auflage; genehmigte Taschenbuchausgabe Juni 1999.
btb Taschenbuch im Goldmann Verlag; © 1997 C. Bertelsmann Verlag,
beides Unternehmen der Verlagsgruppe Bertelsmann GmbH. ISBN 3-442-72494-5

 

 

Bin ich ein Tapferer? Bin ich einer von denen, die arm im Geiste sind? Kann ich die Banalitäten weit genug voraussehen? Kenne ich das Triviale der Wirklichkeit? — Ja, das kenne ich. Doch ich kenne mehr als das Triviale, ich kenne auch das Schöne, das Häßliche, das Traurige, das Freudvolle. Und vom allerletzten bereite ich mir immer mehr. Ich, der ich lange Zeit so krank war, daß ich von Freude nichts mehr wußte, nicht an sie glauben und mich nicht an sie erinnern konnte, ich kümmere mir darum, daß ich genügend Momente der Freude erlebe. Immer wieder, immer wieder. Und ich bemerke, daß das Geschehende geschieht, daß ich ein Teil davon bin. Und neben der Freude bekomme ich deshalb auch all das Andere mit, das geschieht, jedenfalls wenn es mir nahe genug kommt.

Gegen das Unerfreuliche kann ich oft nichts tun; ihm entgegensetzen aber kann ich meine selbstgeschaffnen Momente der Freude.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 03.07.2017 waren der Wiedereinstieg ins Buch, endlich gekaufter Couscous, eine Antwort.
 
Die Tageskarte für morgen ist dieZwei der Kelche.

© 2017 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

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