Macke und Spleen (2017: 261)

Beibehalten und doch abstellen.

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Mal sehen, ob ich im ideenlosen Zustand doch (wie so oft schon) einen Betrag zustandebringe. Erlebt habe ich heute ja genug. Da war zuerst die Augenärztin, bei der ich nach vier Jahren mal wieder war. Ergebnis der Untersuchungen: Alles in Ordnung. Auch die kleine Vernarbung in Makulanähe hat sich offensichtlich nicht verändert. All meine als schlechter empfundenen Seheindrücke haben sich nach sachverständiger Betrachtung nicht ein bißchen verschlechtert, nur meine Hypochondrie ist stärker geworden. Natürlich kann ich, wenn ich das möchte, zu einem Optiker meines Vertrauens gehen und dort eine neue, gar eine Gleitsichtbrille anfertigen lassen. Doch bei nur 0,1 Dioptrien Veränderung lohnt sich das nicht. Also werde ich weiterhin mit meinen Brillen und sehr vielen Lesehilfen leben.

Ja, das ist eine Marotte, ein Spleen von mir: ich besitze ein gutes Dutzend dieser Ersatzbrillen, die an allen möglichen und unmöglichen Stellen zur Benutzung bereitliegen. Im Bad, überm Abwasch in der Küche, in der Tasche und im Rucksack, an den Computern und am Bett. Immer eine mehr als notwendig habe ich zur Hand. Manchmal finde sogar ich das sehr verstörend.

Ich habe mehrere solcher … Zwänge? (Kann sein, ich wiederhole mich jetzt.) Es müssen zum Beispiel immer zwei ungeöffnete Päckchen Kaffee im Hause sein und eine komplette Packung Klopapier, zwei unangebrochene Streichfette, vier Packungen Teigwaren usw. usf. Diese Vorratshaltung ist mir aus den schlimmsten Zeiten der Depression geblieben: Ich muß drei Wochen von den vorhandenen Vorräten leben können, ohne meine Wohnung zu verlassen. Klingt verrückt, fühlt sich auch so an – und doch kann ich es (noch?) nicht lassen. Ich bin keiner der Menschen, die sich auf den Katastrophenfall vorbereiten, jedenfalls bereite ich mich nicht auf einen allgemeinen Katastrophenfall vor, eher auf meinen persönlichen. Und tu gleichzeitig alles dafür, ihn eben nicht zu erleben. Schaffe das sogar seit Jahren (meiner Meinung nach) sehr gut.

Und bescheuert ist es trotzdem: Ich bereite mich auf etwas vor, das ich nicht erleben will und auch nicht erleben werde. Ist das spezifisch für die Depression, für diese Krankheit? Oder ist das nur typisch für mich? Ist das also “normal” im Rahmen dessen, was für “alle” normal ist, oder bin ich da der Unnormale, der Abartige …

Solche Frage … Nein, solche Fragen stelle ich mir besser nicht. Denn ich kann in mir keine Antworten darauf finden. Ich kann nur vermuten, befürchten. Das aber hilft mir nicht, bringt mich keinen Schritt weiter auf dem Weg in ein – so weit es geht – gesundes Leben.

Also betreibe ich meine Vorratshaltung weiter, ich Hypochonder, ich. Obwohl: Eine Macke habe ich ja bereits abgestellt, denn ich lasse das Licht im Bad nicht mehr dauernd an, um sofort beim Betreten der Wohnung eine eventuelle Stromsperre zu erkennen. Weitere Macken werden folgen. (Und Überschriften hab ich jetzt auch.)

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 18.09.2017 waren das Ergebnis bei der Augenärztin, die erledigte Wahl und Abstimmung, ein wenig mehr Klarheit über meine Marotten.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Königin der Kelche.

© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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9 Antworten zu Macke und Spleen (2017: 261)

  1. puzzleblume schreibt:

    Solche Eingeständnisse zu beschreiben und zu veröffentlichen, erscheint mir schon als Schritt vorwärts.

    Gefällt 1 Person

    • Der Emil schreibt:

      Danke.

      Und ja, ist es auch irgendwie. Was ich benennen kann, verliert oft seinen übermächtigen Schrecken, eine bekannte Gefahr wird geringer geschätzt als eine unbekannte.

      Gefällt 1 Person

      • puzzleblume schreibt:

        Genau so würde ich es von mir bestätigen. Indem einem gelingt, etwas erfolgreich aus dem diffus empfundenen in den begrifflichen Bereich zu ziehen, kann man sich seiner nach und nach bemächtigen. Ab da muss er einem zur Verfügung stehen und man kann ihn ins Licht stellen.

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  2. natisgartentraum schreibt:

    Solche Macken kenn ich auch. Ich glaube jeder Mensch hat irgendwo eine oder mehrere. Das ist nicht krank, das macht einen Menschen aus. Auch das Thema Vorratshaltung ist mir mehr als bekannt. Ich könnte ja jetzt mit meinen Macken anfangen, aber das würde hier vielleicht den Rahmen sprengen.

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  3. Gudrun schreibt:

    Ich staune wirklich, wie locker und gelöst du über deine „Macken“ schreibst. Das Ding mit dem Badlicht hat mich sehr berührt, Emil.
    Und ansonsten hat garantiert jeder wirklich seine ganz eigenen.
    Gruß aus der nervigen Stadt nebenan.

    Gefällt 1 Person

  4. Weena schreibt:

    Ich habe auch so eine doofe Macke. Anziehklamotten, die ich unheimlich gern mag, kaufe ich mir immer 2x. Weil, es könnte ja sein, sie gehen kaputt oder werden nicht reparierbar bekleckert oder verfärben in der Waschmaschine oder oder oder. Und dann gäbe es die nicht mehr zu kaufen – Katastrophe! Dann lieber gleich 2x kaufen … ;)

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  5. Sofasophia schreibt:

    Die Idee oder Begründung der Vorratshaltung im Deprikatastrophenfall ist mir zwar noch nie gekommen, leuchtet aber ein oder erklärt vielleicht, warum auch ich immer Vorräte habe. Für mindestens eine Woche. Bei mir dachte ich an Sicherheitsbedürfnisse dabei, aber mag sein, dass es eben auch noch andere Gründe gibt. Die Macke ohne die Auslöser „abschaffen“ ist wohl wenig sinnvoll, vermute ich. (Und ja, ich habe auch ein paar.)

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  6. offenblender schreibt:

    Mach Dir mal keine Sorgen! Du bist normal – zumindest nicht unnormaler als andere. Manche kümmern sich um Umweltschutz und fliegen 2x jährlich in den Urlaub oder machen jährlich Kreuzfahrten. Andere meinen sich vegan und gesund zu ernähren. Die Essen dann oft hochverarbeitete Speisen, die in ihrem Namen noch immer das Fleischprodukt tragen, das sie ersetzen wollen. Ich schreibe bewusst Speise, da Lebensmittel oder Nahrung nur begrenzt zutreffend wäre. Die Menschen verurteilen schlechte Arbeits-, Lebens- oder Umweltbedingungen. Die selben fahren täglich mit dem SUV die Kinder zur Schule, 5km zur Arbeit oder zum Bäcker an der nächsten Ecke, sie kaufen ohne Bedacht nach dem Preis ein. Sie machen sich dabei keine Gedanken, warum im Stau vor der Schule die Kinder in Unfälle verwickelt werden, warum sie an Asthma oder Allergien leiden usw. Auch, wer den Preis für ihre günstigen Konsumartikel (ob Nahrung, Kleidung,…) zahlt, wissen oder ahnen sie nicht.
    Du bist normal!

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