Im Fluß (2017: 266)

(Perspektivwechsel)

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Das Wasser umspielt einen großen kantigen Stein am Ufer, wechselt rasch die Richtung und verleiht der Wasseroberfläche eine ungewöhnliche Form, eine neue Struktur. Er steht einige Meter davon entfernt und blickt auf das fließende Gewässer, das längst kein Bach mehr ist, aber auch noch nicht als Fluß bezeichnet werden könnte. Er ist immer wieder erstaunt, wie viel Wasser durch Bäche und Flüsse fließt und wie wenig er davon tatsächlich zu Gesicht bekommt. Er sieht stets nur einen Bruchteil und vermag die wahrhaftigen Dimensionen kaum einzuschätzen. Er weiß, wo der Bach seinen Anfang nahm, doch er hat kein Bild davon in seinem Kopf. Er weiß, wo der Fluß seine Wassermassen ins weite Meer entläßt, doch er war noch nie dort.

Er denkt an jene Stelle am Bach, an welcher ein alter Baum über das Wasser ragt. Dort war er hineingesprungen, obwohl es längst nicht tief genug war. Er denkt an die Hütte an der Bachkrümmung; einst fand dort ein Fest statt, und er war so betrunken, dass er sich zweimal hatte übergeben müssen, hinein ins nächtliche Wasser. Er denkt an die Stelle am Ufer, an der er zum ersten Mal Sex mit einer Frau hatte, dann an jene Stelle, an der er zum ersten Mal Sex mit einem Mann hatte, und dann überlegt er, welcher der beiden Momente ihm wichtiger war und ist. Er denkt an das Plätschern des Baches an jenem Tag, an dem sein Freund starb. Er denkt daran, wie das Wasser scheinbar langsamer fließt, je breiter ein Fluß wird. Er fragt sich, ob er möglicherweise vollkommen zum Stillstand kommen könnte, bevor er das Meer erreicht.

Irgendwann sieht er sich aufmerksam um, atmet ein, atmet aus. Dann zieht er sich aus, legt seine Kleider auf einen Stein am Ufer und geht vorsichtig ins Wasser, nackt und ein wenig zitternd. Es ist kalt, das Wasser, eisig kalt, doch er läßt sich nicht beirren. Etwa in der Mitte kniet er sich hin, dann setzt er sich auf den steinigen Grund. Das Wasser reicht ihm bis zu den Schultern. Er läßt seinen Blick wandern, läßt ihn über die kleinen Wellen stolpern und immer wieder hinauf zu den Baumspitzen klettern.

Schließlich, als sein Körper sich längst an das Frieren gewöhnt hat, steht er auf, watet zum Ufer, steigt aus dem Wasser und läßt seine Haut im Wind trocknen. Er reibt die Hände über die Oberarme, zieht sich wieder an und bleibt noch einige Momente an jener Stelle stehen. Das Verharren, es klappt nur vorübergehend. Er wirft einen letzten Blick auf den kantigen Stein am Ufer und geht dann weiter, immer weiter, hin zum Fluß, hin zum Meer.

 

 

Dieser Text ist … Er ist tatsächlich ein Experiment. Denn jemand anderes schrieb das Original, in dem eine weibliche Person handelt. Ich versuchte, mir den Text mit einem männlichen Protagonisten vorzustellen; und diese Vorstellung fand ich weniger anziehend, weniger interessant als die weibliche Variante. Ich wollte den Unterschied vor Augen sehen!
Ich danke Disputnik für die freundliche Erlaubnis, seinen Text Im Fluss hier abgewandelt veröffentlichen zu dürfen.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 23.09.2017 waren viel geschaffte Musik, die Umschreibung, Wiedersehen mit lieben Menschen.
 
Die Tageskarte für morgen ist der Bube der Münzen.

Originaltext am 22.09.2017 von Disputnik veröffentlicht. Mit freundlicher Genehmigung abgewandelt.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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16 Antworten zu Im Fluß (2017: 266)

  1. wildgans schreibt:

    Der Text gefällt mir sehr!
    Ein wenig erinnert er mich an Szenen im wunderbaren Film „Der letzte Mentsch“ (ja, mit t), vielleicht kennst du ihn.
    Gruß am Abend
    Sonja

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  2. Arabella schreibt:

    Nur ein großer, kantiger Stein kann am Ufer liegen.
    Der Beginn deines Textes ist eine Tautologie.

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  3. disputnik schreibt:

    Spannend! Der Text ist anders, nun, nach dem Perspektivenwechsel, trotzdem ist er noch ganz bei sich, die Aussagen haben sich nicht geändert. So groß scheint mir der Unterschied gar nicht, was aber auch daran liegen mag, dass ich dem Text natürlich nicht unvoreingenommen begegnen kann. Wie auch immer, herzlichen Dank dir für dieses Experiment! Herzliche Grüsse…

    Gefällt 1 Person

    • Der Emil schreibt:

      Vielleicht hätte ein Bild gutgetan … Doch mich als Kerl rührt er anders an als Deiner. (Übrigens: es dauerte, ehe ich alles Geschlechtsspezifische ersetzt hatte, ein ihre blieb bis zuletzt unbeachtet.)

      Ich danke Dir für die Möglichkeit dazu.

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  4. puzzleblume schreibt:

    Ich habe es mir wieder umgekehrt aus der Perspektive einer Frau vorgestellt und weil ich die Erzählung in der dritten Person als distanzierte Ich-Perspektive empfinde, macht mir das Geschlecht für diese Gedankengänge keinen Unterschied. Darum muss ich mir jetzt wohl das Original auch bei seinem Autor ansehen….

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  5. natisgartentraum schreibt:

    Ich finde das ein Kerl dies eher machen würde, ins kalte Wasser steigen. Aber auch ich werde mal zu Disputnik rüber ‚gehen‘ und es mir durchlesen. Vielleicht ändert es meine Meinung. Eine interessante Idee die du hattest, lieber Emil.


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  6. natisgartentraum schreibt:

    Ich habe es beim Disputnik gelesen. Deine Version erscheint für mich als Frau einleuchtender. Habe dort ein Kommi hinterlassen. Kannst du gerne lesen wenn du magst.
    So etwas ist eigentlich eine gute Idee um auch andere Blogger kennen zu lernen. Werde nachher mal beim Disputnik etwas stöbern.


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  7. pantoufle schreibt:

    Sehr schön und poetisch. Aber hast Du heute schon anDein Land und seine Zukunft gedacht und die Partei DIE PARTEI gewählt? Wenn nicht, dan aber nix wie los und die sehr gute Partei DIE PARTEI wählen!

    Dies ist ein kostenloser Weckdienstdienst der Schrottpresse!

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  8. sabeth47 schreibt:

    Ein spannendes Experiment, das ich auch schon bei (meinen eigenen) Gedichten angewandt habe.

    Hier in diesem Text, wäre es mir lieb, wenn der „er“, ehe er das erste Mal auftaucht, benannt ist, so dass man nicht die Sätze rückliest, ob es einen (Objekt)Bezug zum „er“ gibt.

    „Das Wasser umspielt einen großen kantigen Stein am Ufer, wechselt rasch die Richtung und verleiht der Wasseroberfläche eine ungewöhnliche Form, eine neue Struktur. Der Mann steht einige Meter davon entfernt und blickt auf das fließende Gewässer, [ … ]“

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