Preisgekröntes Lesevergnügen (2017: 277)

Es folgt der erste Satz einer Erzählung.

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» Es gab sie wie Sand am Meer, sie waren überall und allgegenwärtig, die Grauzonen von Traurigkeit, Wahnsinn und Einsamkeit in Gegenständen, Gebäuden und Situationen: offen stehende Garagen mit einem unveränderlichen Ölfleck auf dem Boden, überquellende Mülltonnen, dreibeinige Hunde oder – sehr schlimm – Haltestellen, als wäre man angekettet unter freiem Himmel; dann einzelne Dinge, verbogenes Besteck, braun beränderte Fäustlinge, Körner aus Winterstreugut, die in den flüssigen Schuhabrücken auf dem Küchenfußboden schwimmen, ausgebrannte Telefonzellen, Büsche, die nach Urin riechen und trotzdem von Hunderten Spatzen bewohnt sind, die verblassenden Farben der eigenen Sommerkleidung im Untergangslicht eines Treppenhauses, in dessen schummrigen Halbstöcken kleine taufbeckenartige Vorrichtungen stehen, ohne einen Hinweis auf Sinn und Zweck; die ganz entsetzliche Melancholie und Verlorenheit eines Bahnsteigs, der Pendelblick nach links: Schienen, endlos, dann nach rechts: dasselbe, und der unglückliche Versuch, sich festzukrallen in den Rockfalten der Mutter angesichts dieser ausweglosen Unendlichkeit, die einem am nächsten Tag auf harmlosere Weise wieder begebnet, in der Schule, als Zahlenstrahl. «

Milchglas; a. a. O., S. 9 f.

 

 

Vor kurzem kaufte ich mir ein Buch. Ein “Mängelexemplar”, eines von denen, bei denen ich immer annehme, daß der einzige Mangel des Buches seine Nichtverkauftheit ist. Im Suhrkamp-Verlag erschien bereits 2011 Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes, Erzählungen von Clemes J. Setz (ISBN 978-3-518-42221-2) – und eben dieses Buch erwarb ich. Allerdings begann ich erst jetzt, darinnen zu lesen. Das Zitat da oben ist der erste Satz des Buches, der zur Erzählung “Milchglas” gehört. Am Grabbeltisch der Buchhandlung jedenfalls schwante mir, daß ich den Namen des Autoren irgendwoher kennte, aus dem Netz, einem Blog vielleicht, und daß seine Bücher für viele “verwirrend” waren.

Der Herr Setz hat übrigens schon eine ganze Reihe Preise bekommen; für das von mir gekaufte Buch z. B. den Preis der Leipziger Buchmesse 2011 in der Kategorie Belletristik.

Also, da oben zitiere ich einen einzigen Satz. Einen, der ein klein wenig länger ist, als daß ihn die erste Seite ganz fassen könnte im mir vorliegenden Buch. Ein langer Satz, wie er heutzutage selten geworden ist in der Deutschen Alltags- und Literaturschriftsprache. Ein Satz, der mich mitnimmt in die angesprochenen Grauzonen. Vielleicht gelingt das Clemens J. Setz ja nur, weil ich solche Grauzonen oft und unmittelbar erlebte, viele der beispielhaft genannten Dinge aus eigenem Erleben kenne … Besser sage ich: Ich kannte diese Dinge aus eigenem Erleben. Denn heute begegnen mir solche “Grauzonen von Traurigkeit, Wahnsinn und Einsamkeit” – auch Dank meiner Kontakte hier im Internet wesentlich seltener, beinahe überhaupt nicht mehr; und wenn ich sie antreffe, dann ist ihre Wirkung auf mich nicht mehr diese verheerende, die sie noch im Erscheinungsjahr des Buches hatten.

 

Ich habe die erste Erzählung noch nicht komplett gelesen, und der Schreibstil ist auch für mich etwas verwirrend – doch nicht unverstehbar. Und so freue ich mich auf 331 weitere Seiten Lesevergnügen in der nächsten Zeit.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 04.10.2017 waren viele scharfe Messer, leckeres Huhn, zurückgewonnenes Verstehen.
 
Die Tageskarte für morgen ist der König der Münzen.

© 2017 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

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9 Antworten zu Preisgekröntes Lesevergnügen (2017: 277)

  1. wildgans schreibt:

    Mir gefällt, dass du dich nicht mit neuesten Büchern befasst – und dass die „Grauzonen“ für dich seltener geworden sind! Es naht ja auch deine Lieblingsjahreszeit, oder ist gar schon ein bisschen da!


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  2. natisgartentraum schreibt:

    Das Buch klingt komisch interessant. Ich hoffe davon noch einiges aus deiner „Feder“ zu lesen. Was ist taufbesckenartig? Noch nie gehört.


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  3. Sybille Lengauer schreibt:

    Manche Bücher sind es halt wert, dass man sich durch anfallende Irrungen und Wirrungen arbeitet… ich habe selten ein Buch aus der Hand gelegt, weil es mich verwirrt hat, aber Langeweile war schon so manches Mal der Tod (m)einer Mensch-Buch-Beziehung… *g


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