Das wäre ein wirklich symbolisches Datum gewesen (2017: 282)

Neunter Oktober. Aber es war ja nicht gewollt.

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Früher Abend, Leipzig, 9. Oktober 1989. Eine Großdemonstration für mehr Sozialismus im Real Existierenden Sozialistschen Deutschen Arbeiter- und Bauern-Staat DDR findet statt. Es ist nicht die erste Montagsdemo und nicht die erste Großdemo, beileibe nicht. Selbst am 7. Oktober 1989, am Nationalfeiertag, fand eine große Demonstration von Veränderungswilligen (Oppositionelle mag ich sie nicht nennen) mit 10000 bis 15000 Teilnehmern in Plauen (Vogtland) statt. Aber dieser Montag, der 09.10.1989 in Leipzig, der war für mich dann der Startpunkt herbeigesehnter und möglicher Veränderungen in der DDR. Mein Ziel (und das Ziel vieler anderer Menschen) war nicht der Beitritt der DDR zur BRD und damit die unhinterfragte Übernahme der dort herrschenden Verhältnisse. Mein Ziel wäre eine veränderte DDR gewesen und danach – aber in weiter Ferne – vielleicht eine Konförderation und eine echte Vereinigung zweier deutscher Staaten zu etwas Neuem.

Es kam anders.

 

Ich habe mir vorhin einmal mehr Bilder angesehen von den Friedensgebeten in der Leipziger Nikolaikirche, von den Montagsdemos in Leipzig, vom Schmieden eines Schwertes zu einer Pflugschar, habe gelesen in mehr oder weniger öffentlichen Quellen. Ich erinnere mich an die besondere Stimmung, an das Gefühl, trotz aller Angst vor den Maßnahmen des Staates von innen heraus etwas bewirken zu können, zu müssen. An die diversen Symbole: die brennende Kerze im Fenster, der Zettel an der Trabbi-Heckscheibe “Bleibet im Lande und wehret euch täglich!” Daß es soetwas wie das Neue Forum überhaupt geben konnte! Welch eine Freude, in der Tageszeitung (oh, ich war dann schon wieder Mitglied der Liberal-Demokratischen Partei, LDPD) “Der Morgen” von Dingen wie dem Aufruf der Künstler zu lesen oder aber Nachrichten, die nicht von den Erfolgen der SED-geführten Wirtschaft usw. handelten. Immerhin erschienen im “Morgen”, der sich als erste Tageszeitung vom Führungsanspruch der Partei lossagte, schon im Sommer ungeschönte, unzensierte Leserbriefe und auch Artikel, die das herrschende System offen kritisierten.

Ich war Abonnent dieser Zeitung von irgendwann 1987 bis zum letzten Tag ihres Erscheinens. Und ich weiß ganz genau, daß ich mir diese letzte Ausgabe aufgehoben habe. Wahrscheinlich ist sie heute noch in einem alten Aktenkoffer auf dem Dachboden eines Hauses … Denn bei mir ist sie nicht, nirgends in meiner Wohnung.

Ach, diese Zeit der (vorstellbar) unbegrenzten Möglichkeiten ist eine, für deren Miterleben und -gestalten ich sehr dankbar bin. In dieser kurzen Zeit habe ich viel über Menschen, Phantasie, Solidarität, Menschlichkeit, Sehnsucht gelernt. Und heute habe ich mich radan erinnert, welche Kraft 70.000 unbewaffnete, unvermummte, träumende, hoffende, mutige, zuversichtliche Menschen sein können. Deshalb wäre für mich dieses Datum ein passenderes gewesen …

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 09.10.2017 waren ein stehender Schrank, Hin- und Hergeräume, Erinnerungen.
 
Die Tageskarte für morgen ist XVI – Der Turm.

© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

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17 Antworten zu Das wäre ein wirklich symbolisches Datum gewesen (2017: 282)

  1. Myriade schreibt:

    Interessante Erinnerungen ….

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  2. Arabella schreibt:

    das bestimmt prima, sie hat romanistik studiert, weiss nix darüber , ist aber auf nen Vegetarier angewiesen.

    Ich bin dann mal drüben , in deinem ehrlichen Blog;-)

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  3. natisgartentraum schreibt:

    Zu der Zeit war ich leider noch ein Kind um irgend etwas wahrgenommen zu haben. Ich kenne alles nur aus Erzählungen, der Schule und was man so liest.


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  4. gkazakou schreibt:

    Lieber Emil, dieser Beitrag hat mich tief berührt. Er spricht von so viel Hoffnung! Es ist ganz ähnlich hier in Griechenland gewesen, als die Menschen sich freuten und hofften, dass ein gerechterer Staat entstünde, als die Linke 2015 ans Ruder kam (erstmals). All die Hoffnungen landeten inzwischen auf dem Kehrichthaufen der Geschichte.
    Schleich dich nicht davon, sondern erzähl weiter, wie es war und ist!

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  5. petra ulbrich schreibt:

    Sehr wahrscheinlich habe ich eine ganz andere Sicht und genau deswegen finde ich es spannend – wenn auch nicht nachvollziehbar, weil mir ganze Teile der Geschichte fehlen.

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  6. Herr Ärmel schreibt:

    Ich danke Dir für Deinen persönlichen Bericht.


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  7. Hallo Emil, fürmich als Plauner kann ich den Artikel 1:1 und mit dem 7. Oktober übernehmen. Zuerst lief es hier auch auf eine andere, neue DDR heraus. Eben unbegrenzte Möglichkeiten.
    Margy

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