Bahnhofsszene (2017: 287)

Mehr oder weniger reales Dazwischen.

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Die Sitzfläche der Bank ist unangenehm gewölbt, ich habe ständig das Gefühl, einfach nach vorn herunterzurutschen. Dagegen hilft auch nicht das Gewicht meines Rucksacks, der auf dem Boden steht und sich schwer gegen meine Knie lehnt. Auch die Sitzhöhe stimmt nicht, denn ich erreiche mit meinen Fußspitzen gerade mal so den Boden. Bequem ist es nicht, hier sitzend zu warten.

Müde bin ich auch. Und es fehlt mir die Kraft, das Buch zu halten, in dem ich eigentlich lesen wollte. Ich fühle mich unzureichend, unzuverlässig und … einfach ausgelaugt. Ziemlich unangenehm, dieser Mix. Aber sicher auch berechtigt nach dreizehn Tagen Tun und Machen von früh bis spät. Außerdem will ich nicht hier sitzen. Nicht hier warten. Nein, ich will diesen Zug nicht nehmen. Den, der mich von hier nach da bringt, wo ich gerade nicht sein möchte. Doch ich muß. Es spielt keine Rolle, was ich wünsche. Es zählt, was terminlich vereinbart war und ist, und es ist unerheblich, ob das vereinbarte “Pensum” erreicht wurde, von beiden Seiten aus gesehen.

Bahnhof. Gut, ehemaliger Bahnhof, heute nur noch besserer Halte­punkt. Früher waren es fünfeinhalb Bahnsteige; als Kind war ich noch mit in der Expreßgutabfertigung, wo die Koffer für die Urlaubsreise zu den Großeltern am anderen Ende des Landes aufgegeben wurden, stand noch auf der Waage, die für zwanzig Pfennige eine Pappkarte mit dem aktuellen Gewicht ausspuckte, eine Pappkarte, die die gleiche Größe hatte wie die am Schalter ausgegebenen Fahrkarten. Zweieinhalb mal viereinhalb Zentimeter vielleicht? Was ich nicht vermisse ist das Männerpissoir mit seiner schwarzgeteerten Pißrinne, die vom Bahnsteig 1a bis zum Bahnsteig zwei quer durch das Gebäde reichte, direkt vor der Mitropa (die das erste war, was geschlossen wurde). Was ich vermisse, ist der Geruch der Dampflokomotiven, die die Waggons mit den mit grünem Kunstleder bezogenen Sitzen, zum Teil noch mit einzeln von außen besteigbaren Coupés, zogen, und die Fenster, die zu öffnen waren und mit einem gelochten Lederriemen arretiert wurden …

 

Ein Bahnhof ist immer ein Dazwischen. Zwischen Orten, zwischen Zeiten, zwischen Menschen.

 

Ich stehe auf, hebe den Rucksack auf die Sitzbank, stemme mich mit ihm auf meinem Rücken ächzend hoch, greife nach meiner Tasche. Der Zug fährt ein, hält, verschluckt mich und speit mich irgendwann wieder aus. Weit weg von hier. Dort. Wo ich das habe, was Menschen so Zuhause nennen.

 

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 14.10.2017 waren ein Eis, der Schlaf in der Wanne, die Wärme unter der anderen Decke.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Zwei der Schwerter.

© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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5 Antworten zu Bahnhofsszene (2017: 287)

  1. natisgartentraum schreibt:

    Es gibt immer Sachen die man machen muß. Fremdbestimmt.
    Dafür waren die Gedanken dazwischen schön. Dann war es vielleicht doch nicht arg so schlimm.

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  2. Sofasophia schreibt:

    Eine Kurzgeschichte, die für mich in sich geschlossen ist. Keiner deiner „Geschichtenanfänge“, obwohl sie natürlich auch einer sein könnte.
    Und ob nun fiktik oder real: in sich geschlossen.

    Und saugut erzählt, bildhaft, sinnlich, melancholisch.

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  3. petra ulbrich schreibt:

    Deine Geschichte weckt bei mir Erinnerungen an lange Bahnfahrten einmal längst der Republik. Ich kann es riechen, das Leder der Fenster und die Bahnhofsgaststätte, die bei uns keine Mitropa war…

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