Tante Erdmute philosophiert (2017: 288)

Über Zeit und sein Leben.

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“Die Zeit”, sagt Tante Erdmute, “die Zeit erreicht immer ihr Ziel. Immer und immer wieder.” Er nickt leise seufzend dazu.

Welches Ziel hat die Zeit denn schon, denkt er, wenn sie einfach so vergeht. Sie tut das zudem nicht gleichmäßig, wie sie es nach der Definition tun sollte, sondern wechselt ständig die Geschwindigkeit. Mal vergeht sie langsam – beim Warten zum Beispiel – und mal vergeht sie schnell – wenn er etwas genießen möchte. Von wegen Einsteins Relativitätstheorie: Die Relativität der Zeit hängt nicht von irgendeiner Geschwindigkeit der Bewegung ab, sondern nur vom Sinn, den die in ihr vollbrachten Dinge haben. Je sinnhafter eine Zeitspanne ist, desto schneller wird sie vergehen. Je wichtiger ein Ziel für ihn ist, um so länger scheint es ihm zu dauern, bis er es endlich! erreicht haben wird. Die Zeit und ein Ziel haben … Pah! Manchmal möchte er schon wissen, was in ihrem Kopf vorgeht, was und wie sie denkt, seine Erdmute. Ja, seine. Das nämlich ist sein Ziel, auf das er in stiller Duldsamkeit und Dienstbarkeit seit so langer Zeit zuwartet. Nicht zuarbeitet, nein; darauf zuzuarbeiten wäre etwas, das ihm die Freude an seinem stillen Ausharren nähme.

“Wenn ich noch viel Zeit hätte, mein Bester, viel Zeit und ein wenig mehr Hoffnung”, meldet sich Tante Erdmute wieder zu Wort, “dann würde ich anders leben und Dir weniger Last sein wollen. Ich! Weiß!”, läßt sie ihn nicht zu Wort kommen, “Ich weiß, ich bin Dir keine Last, war Dir nie eine und würde Dir nie eine sein. Aber ich merke doch, daß Du darunter leidest, Dich stets und ständig um mich kümmern zu müssen; nie hast Du Zeit für Dich selbst und Dein eigenes Leben.” Sie blinzelt in die Sonne, deren Wärme sie an diesem Herbsttag auf der Terasse genießt, und sieht ihn an. Die goldenen Pünktchen in ihren braungrünen Augen blitzen wie eh und je. “Vielleicht hätte ich dann ja auch einen Mann, der mich umsorgt und mich liebt, so alt und …” An ihm vorbeistarrend verstummt sie plötzlich nachdenklich. Mit wieder geschlossenen Augen lächelt Tante Erdmute in die warme Sonne. Der harte Ausdruck, der ihr Gesicht sonst beherrscht, ist verschwunden. Er genießt es, sie so sehen zu können, sie in aller Seelenruhe ansehen zu können. Dieser Moment gehört zu der Zeit, von der er weiß, daß sie zu schnell vergeht. Doch in seiner Erinnerung bleiben sie lange, die glücklichen, friedlichen Momente. Und wenn die Zeit ihr Ziel immer erreicht – wovon Tante Erdmute so sicher überzeugt ist –, dann kann er vielleicht auch eines erreichen. Wenigstens dieses eine.

 

 

Ich weiß nicht so recht, wohin dieses Stück Text in das Erdmutekonstrukt genau passen könnte oder soll. Es war heute im Zug einfach da und wollte geschrieben werden nach dem Tweet am Morgen. (Und ein paar andere Bruchstücke habe ich auch noch eingefangen; die Fahrt war also sehr ergiebig.)

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 15.10.2017 waren pünktliche Züge, eine angenehme Umsteigealternative zu dem von mir ungeliebten “Leipzig tief”, viele Stücke Text.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Drei der Stäbe.

© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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2 Antworten zu Tante Erdmute philosophiert (2017: 288)

  1. finbarsgift schreibt:

    Schön, das subjektive Zeitempfinden relativiert…
    Liebe Morgengrüße vom Lu

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    Gefällt 1 Person

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