Reisende (2017: 316)

Fremde gleichen Schicksals.

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Sonderbar, diese Menschen. Alle … Tun, als wollten sie einander nicht wahrnehmen, können es auch nicht; sie schotten sich ab mit Kopfhörern und halten den Blick stur auf ihr Plastedingens gerichtet, so als ob schon die Wahrnehmung anderer Menschen eine unangenehme Störung ihres Lebens wäre. Vereinzeln in ihrem Leben immer mehr, glauben aber, in ihren “sozialen Netzwerken” mit aller Welt aufs Engste verbunden zu sein. Wann haben all diese Einzelwesen zum letzten Mal jemanden tatsäclich berührt, angefaßt, umarmt? Wann waren sie in der Lage, ein Gegenüber, ein anderes Einzelwesen oder gar mehrere wahrzunehmen?

Früher benahmen sie sich, benahmen wir uns anders. Eine Bahnfahrt zum Beispiel war oft die Gelegenheit, mit völlig Unbekannten zwanglos in ein Gespräch zu kommen, sich über dies und das und über die alltäglichen Unzulänglichkeiten auszutauschen. Nein, es war nicht von Interesse, wer einem da gegenübersaß; wir Reisenden – Oh, eine wirklich blöde Unklarheit: wir Reisende oder wir Reisenden? ndash;, also wir Reisende sprachen einfach miteinander. Und wer lange genug miteinander in einem Abteil saß, der tauschte auch schonmal Adressen aus. Ich weiß noch, wie ich einmal von Leipzig bis Binz im Mitropa-Wagen stand, in ein Gespräch mit Jan Koplowitz vertieft, und mit ihm über Gott und die Welt und den Sozialismus und Literatur diskutierte; von Leipzig bis Berlin stand auch noch Heinz Quermann bei uns. An zwei Aussagen Koplowitz' kann ich mich noch gut erinnern: Schreiben ist viel mehr Arbeit als gedacht, wie beim Eisberg bleibe das meiste und damit das Schwere unter der Oberfläche — ein Buch wird erst durch die Leser zu der phantasievollen Geschichte, zu der der Autor die Anregung gibt.

Als Kind hatte ich ein Malbuch mit, später richtige Bücher, manchmal lasen die Eltern auch Märchen oder Ähnliches vor. Längere Bahnfahrten wurden gerne in die Nacht gelegt, damals konnte ja noch rund um die Uhr gefahren werden mit der DR, es gab auch zwischen 0 Uhr und 4 Uhr genügend Anschlußzüge, so daß die Wartezeiten auf den Bahnhöfen nicht so lang (und teilweise doch noch in mit Kohleöfen beheizten Warteräumen auf den Bahnsteigen verbracht) wurden. Wir Kinder schliefen dann eben nachts in den Zügen, das ging recht gut und war leidlich bequem, wenn ich mich recht erinnere. Zumal damals auf den Dreier- (im Abteil) und Zweiersitzen noch durchgängige Polsterbänke verbaut waren.

Es ist selten geworden, daß sich Unterhaltungen zwischen Fremden gleichen Schicksals ergeben. Und manchmal wird der Versuch echt hart zurückgewiesen …

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 12.11.2017 waren Ausschlafen, ein Milchkaffee, Rippchen.
 
Die Tageskarte für morgen ist das As der Kelche.

© 2017 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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5 Antworten zu Reisende (2017: 316)

  1. Kai schreibt:

    Das stimmt. Als ich als Zivi das erste Mal öfters Bahn fuhr, 1987, war es schon häufig so, dass man sich im Abteil unterhielt. Heute ist das ein Tabubruch … etwas schade manchmal.

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  2. Weena schreibt:

    Ha, hab mich schlau gemacht. Es heißt „Reisende“ wenn nix davor steht (kein Artikel) und wenn einer davor steht, isses „Reisenden“, die Reisenden. 🙂
    Wenn ich das in so später Stunde richtig erfasst habe.
    https://de.wiktionary.org/wiki/Reisende
    Und nun gehe ich ein Stückchen schlauer schlafen …
    Liebe Grüße
    Weena


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  3. natisgartentraum schreibt:

    Heutzutage ist es meist nur noch mit älteren Personen möglich, sich als Fremde irgendwo , ob in Bus und Bahn oder in der Schlange an der Kasse, zu unterhalten.


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  4. wildgans schreibt:

    Harsch zurückgewiesen, als Zumutung und arge Störung empfunden – oh, erzähl doch mehr darüber, bitte!


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  5. Christel schreibt:

    Ich – ohne Auto – fahre viel mit Bus und Bahn. Sehr häufig komme ich mit Mitreisenden ins Gespräch: ob mit JUNG oder ALT. Das liebe ich so an meinen Fahrten. Das Interessante ist, dass viele Menschen dann sehr persönliches mitteilen. Vielleicht gerade weil wir Fremde sind? Wichtig ist die eigene Bereitschaft ein Gespräch zu beginnen. Nicht nur abwarten.
    Nur Mut! Tu den 1. Schritt – Beginn ein Gespräch.


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