Bedeutungsleere (Nº 009/2018)

slow read – weil es mein Wille ist

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Da stehen viele Bücher in meinen Schränken, und auf dem Fußboden liegen auch noch ungezählte. Die meisten im Schrank sind gelesen, die meisten außerhalb sind ungelesen. Und dann gibt es auch noch den Stapel derer, die ich mir in der Stadtbücherei ausgeliehen habe. Ich gestehe, daß ich nicht ganz genau, vielleicht sogar nur sehr grob weiß, welche Bücher ich habe. Außerdem bin ich zu faul, den Bestand einmal komplett durchzusehen, gar aufzulisten. Viel lieber greife ich immer wieder einmal nach einem Exemplar, das mich “anspringt”, in die Hand genommen werden will. So wähle ich auch die Mehrzahl der Titel in der Stadtbibliothek aus; Empfehlungen und ähnliches machen nur etwa ein Zehntel des Lesestoffes aus.

Manchmal geschieht dieses “Anspringen” auch in Buchläden, Antiquariaten, bei Freunden und Bekannten. Letztens erst entdeckte ich einen hier in der Stadt neu angesiedelten Billigheimer Laden für sehr preiswerte Bücher, aus dem ich mir ein – ein einziges! – Buch mitnahm: “Das Letzte Land” von Svenja Seibert. Ich las keinen Rücken- oder Klappentext, nein, ich nahm das Buch nur wegen seines Aussehens und des extrem günstigen Preises mit.

Und nun lese ich darin. Von einem Jungen, der das Geigenspiel erlernt, der Töne sehen kann. Vom Leben auf dem Dorf vor, in und nach dem Ersten Weltkrieg. Und von der Musik. Und ich lese langsam. Sehr langsam, vielleicht sogar bewußt. Nicht wie sonst: gierig und in langen Passagen. In diesem Buch lese ich nun schon vier Tage lang selbstbeschränkt zwanzig Seiten je Tag. Nichteinmal täglich. Warum? Weil ich … Keine Ahnung. Andere Wälzer lese ich hundertseitenweis oder gar an einem einzigen Stück. Doch: “Das letzte Land” hab ich ebenfalls an einem Stück gelesen, so gelesen, überflogen, durchrast, daß ich nachher keine, wirklich keine Erinnerung mehr an den Inhalt hatte. Das hat mich gewurmt. Das fiel mir auf. Deshalb dieser zweite Anlauf mit der Beschränkung auf diese wenigen Seiten.

Natürlich frage ich mich jetzt auch, bei wievielen Büchern das in den letzten Jahren ähnlich oder genauso war. Und außerdem hoffe ich, daß ich nicht alleine bin mit meiner “Fähigkeit” zum rückstandslosen Lesen … Denn sicher gab oder gibt es Bücher, an die ich mich besser nicht erinnere, die besser keine Spuren in mir hinterlassen ob ihrer Banalität oder Schmalzschnulzigkeit, ihrer Bedeutungsleere. Und es gab auch Bücher, die ich nicht in der Lage war zu lesen, weglegen mußte, gar weggegeben oder freigelassen habe. Nicht sehr viele, aber auch sehr wichtige darunter wie Klemperers LTI (das hab ich nicht verarbeiten können, das war mir zu fremd).

“Das letzte Land” ist ein gut zu lesendes Werk. Nicht flach oder seicht, das keineswegs, aber geschrieben in einer Sprache, die es mir leichtmacht, dem Geschehen zu folgen. Den Gedanken und Gefühlen nachzuspüren. Selbst etwas mir so Fremdes wie die Synästhesie scheint mir verständlicher als bisher. Es gefällt mir, dieses Buch. Auch wenn ich bei dieser Leseart jetzt ungeduldig und zappelig werde. Aber warum nicht neben dem slow food und dem slow walk auch ein slow read?

 

Svenja Leiber: Das letzte Land. © 2014 Suhrkamp Verlag Berlin;
ISBN 978-3-518-42414-8

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 09.01.2018 waren das Ausschlafen, ein gelungenes Probieren, ein interessantes Gespräch.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Zehn der Kelche.

© 2018 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

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5 Antworten zu Bedeutungsleere (Nº 009/2018)

  1. natisgartentraum schreibt:

    Man merkt an deinen Worten das du gerne und viel liest.
    Ich lese auch sehr gerne. Wenn ich lese bekomme ich von meine Außenwelt nichts mehr mit, so versunken bin ich. Ich bin förmlich drin im Buch. Es gibt Bücher die hallen in mir nach und welche die nicht viel bewirken. Bis jetzt habe ich nur 2 Bücher nicht zu Ende gelesen, mit denen konnte ich gar nicht. Zwischen 2 Büchern brauche ich aber eine 1-2 wöchige Pause um innerlich abzuschliessen und dann mit dem Nächsten starten zu können.

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