#Schattenklänge – Aus einem ehrlichen Leben

 

Einer dieser leeren Tage ging zuende. Einer von denen, an denen er wie üblich aufsteht, sein Zeug zusammenpackt, losgeht. Einfach losgeht, um etwas zu erleben, etwas zu sehen, etwas zu finden. Um zu leben. Dann sucht er hier und da nach Pfandflaschen, Restgeld in den Fahrscheinautomaten und Gepäck­schließ­fächern in Bibliothek und Bahnhof. Wenn die Taschen voll sind oder er vier Stunden unterwegs war, bringt er die Flaschen und Dosen weg, tauscht sie an mehr oder weniger zuverlässigen Automaten in Wertbons und diese dann an irgendeiner Supermarktkasse in Bargeld um. Von dem Geld geht er oft zu einer der Suppenküchen. Damals, als er anfing, so zu existieren wie er jetzt noch existiert, damals kostete ein Mittagessen mit Kaffee und Nachschlag fünfzig Cent. Fünfzig Cent! Heutzutage muß er, egal wohin er geht, 1,70 Euro dafür bezahlen. Das sind über drei Mark! West!

An diesem Tag waren die Taschen nicht voll. Und es waren auch nur sehr wenig 25er dabei, hauptsächlich schwere Achter. Naja, fürs Essen hat das Geld gereicht, aber für den Abend hat er nicht viel übrig. Es half nichts, er konnte nicht sehr lange im Foyer des Krankenhauses sitzenbleiben, wo es immer warm und trocken ist, wo es ein sauberes Klo gibt und niemand ihn verjagt. Er mußte eine zweite Sammelrunde absolvieren, wieder vier Stunden mit dem schmerzenden Knie auf den Beinen sein. Nachmittags nahm er einen anderen Weg, durch einen beliebten Park. Gerne geht er dort nicht hin; die Jugendlichen beschimpfen ihn und machen sich über ihn lustig. Manchmal verarschen sie ihn auch richtig. Und als ob er es geahnt hätte, lag da wirklich eine Brieftasche direkt neben einer Bank. Das letze Mal gab es einen kleinen Knall, als er die öffnete, und vor Schreck stieß er seine Taschen um; beinahe alle mühsam gesammelten Flaschen waren zu Bruch gegangen. Der Pulk Halbstarker, die drei Bänke weiter saßen, lachte lauthals. “Warte! Hier haste neue Flaschen!” Kaum hatte einer das gerufen, warfen sie auch schon mit Bierflaschen nach ihm. Er floh, so schnell das mit dem schmerzendem Knie ging, und sie schlenderten eine ganze Weile gemütlich hinter ihm her und warfen ab und zu eine Flasche. Er hatte Glück, daß er damals nicht getroffen wurde.

Aber an diesem leeren Tag waren keine Jugendlichen zu sehen. Nicht drei Bänke weiter, auch nicht irgendwoanders in der Nähe. Also stellte er die Taschen mit den Flaschen ab, bückte sich mühsam und hob auf, was da lag. Wahrscheinlich hätte er das an einem regnerischen Tag nicht getan … Eine Herrenbrieftasche, nicht sehr groß. Im Münzfach einiges Kupfer, keine Scheine. Aber Ausweis, EC- und AOK-Karte und Führerschein waren drin. Alles von ein- und demselben Mann. Und nun? Hm. Auf dem Weg zum Flaschenabgeben mußte er sowieso an der Adresse vorbei.

Hochhaus. Wenn er sich recht erinnerte, eine Erdgeschoßwohnung. Er klingelte. In die Wechselsprechanlage nuschelte er etwas von AOK und Finden. Das Schloß brummte, er drückte die Tür mit der Hüfte auf und ging hinein. Als er um die Ecke bog, stand da ein feiner Pinkel vor einer Wohnungstür. Aber es war der Mann von Ausweis und Führerschein und Krankenkassenkarte. Er stellte seine klirrenden Flaschen vorsichtig ab, zog die Brieftasche umständlich aus seiner Hose und reichte sie hin. Der andere riß sie ihm beinahe aus der Hand, fragte gleichzeitig, wo er ihm die denn geklaut habe und warum und was er mit den 270 Euro gemacht habe … Weiterlesen

 

 

Keiner meiner täglichen Blogbeiträge. Ein Beitrag für Frau SoSos Anthologie Schattenklänge – dort sind die Spielregeln zu lesen. Der Text wurde zuerst am 19. Mai 2016 von mir unter dem Titel “Einer der leeren Tage” veröffentlicht (mit der Übrschrift “Aus einem ehrlichen Leben”).

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

 

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler
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5 Antworten zu #Schattenklänge – Aus einem ehrlichen Leben

  1. Sofasophia schreibt:

    Wieder gerne gelesen. Danke dir!
    Für den Text an sich und für den Beitrag.

    Gefällt mir

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