Fremde Gegend (Nº 032/2018)

Alte Handschrift.

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Es ist ein Wunsch wahrgeworden. Einer meiner Wünsche. Heute habe ich begonnen, ein Tagebuch – nun ja, etwas, wie ein Tagebuch – abzutippen. Nicht meines, nein. Eine Person, die damals in Ohmden und Unterböhringen lebte, schrieb in eine kleine Kladde zwischen 1881 und 1893 ihm notierenswert erscheinende Sachen. Es ist der erste Versuch, für das Deutsche Tagebucharchiv zu transkribieren.

Ohmden. Kannte ich nicht. Ich mußte erst einmal bei Openstreetmap nachsehen, wo das ist. Und auch einige umliegende Ortsangaben mußte ich nachsuchen, schließlich gibt es “Holzmaden” und “Frickenhausen” usw. usf. in der Gegend, die im nicht absolut sauberen Handschriftenbild auftauchen und entschlüsselt sein wollen. All das kann ich aber nicht wissen, das die Gegend südöstlich Stuttgarts mir vollständig fremd ist. Trotzdem macht das wirklich Spaß. Und nein, es gibt zumindest in dieser Kladde keine außergewöhn­lichen, aufregenden, wundersamen Begebenheiten, jedenfalls nicht aus heutiger Sicht auf die Geschehnisse anno dunnemals.

Es ist Arbeit, und nicht die leichteste. Aber es überwiegt die Freude daran, handschrift­liche Trivialia zu erschließen und zu erhalten und für kommende Zeiten verstehbar zu machen. Einlesen ist notwendig vor dem Abschreiben, ein Gefühl für die Handschrift muß entstehen. Es ist wichtig, selbst in einem unregelmäßigen Schriftbild die individuellen Grundformen der Buchstaben wiederzuerkennen. Die Schrift war damals weit weniger genormt als später, da es Schulausgangsschriften gab. Auch Sütterlin war einmal für kurze Zeit eine solche, wurde aber erst 1911 im Auftrag des Preußischen Kultur- und Schulministeriums von Ludwig Sütterlin geschaffen. Vorher schrieben die Menschen Kurrent in allen möglichen und unmöglichen Varianten. Am Vormittag las ich heute einmal schnell quer über das ganze Büchlein. Und wenn ich das richtig erkannt habe, dann waren es mindestens zwei Menschen, die Einträge machten. In der Kladde ist eine (wie ich oben schon schrieb “nicht absolut saubere) normale Handschrift zu finden und eine meiner Meinung nach von einer anderen Person mit anderer Feder und Tinte verfaßte Schönschrift. Es ist auch deutlich zu sehen, daß die Umstände die Handschrift beeinflussen; in großer Aufregung und Sorge ist sie anders als im gleichmäßigen Tagelauf.

Ach, es ist trotz aller Trivialität ein Leckerbissen für mich. Nun wünsche ich mir, daß ich exakt und schnell genug arbeite und möglichst lange Zeit die Lust daran nicht verliere. Am ehrenamtlichen Abschreiben/Umschreiben.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 01.02.2018 waren der Beginn des Abschreibens, ein interessantes Telefongespräch mit ein paar Ideen, ein schrumpelfingermachend langes Schaumbad.
 
Die Tageskarte für morgen ist XI – Die Gerechtigkeit.

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Über Der Emil

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14 Antworten zu Fremde Gegend (Nº 032/2018)

  1. natisgartentraum schreibt:

    Oh das finde ich sehr interessant in andere Zeiten und Leben abzutauchen.

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  2. Myriade schreibt:

    Kurrent finde ich schon in der gedruckten Form ziemlich herausfordernd und gar Handschriften ……

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  3. puzzleblume schreibt:

    Eine ganz besondere Herausforderung und jemand, der sich auf alte Handschriften einlässt, wird immer seltener. Sich auf diese Weise in diese zurückliegenden Zeiten und Denkweisen hineindenken zu können, zu dürfen, hat schon ein bisschen von einer Art Schatzsuche, weil fremde Geschichten auch mal in sich selbst Resonanz finden können.

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  4. wildgans schreibt:

    Danke, dass dieser Eintrag mich dran erinnert hat, dass ich in einem Abbruchhaus ein kleines Tagebuch fand – werde es nach Emmendingen schicken!
    Vorbildlich finde ich, was du dir vorgenommen hast! Du wirst es schon schaffen!

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  5. Jules van der Ley schreibt:

    Ehrenamtlich Kurrent in getippte Lateinschrift zu übertragen, ist ein lobenswertes Tun. So bleibt der Inhalt des Tagebuchs noch lesbar, wenn die Kenntnis der Kurrent längst versunken ist. Das ist echte Kulturarbeit. Kompliment!

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  6. Follygirl schreibt:

    KLasse!
    Kann man diese Übertragungen dann auch irgendwo lesen? DAS würde mich interessieren.
    Diese Sache mit den Handschriften war auch spannend.. ich kann meine eigene kaum lesen..ich lern das immer auswendig beim Schreiben..oder auch nicht :D ..in der Regel rätsel ich was da wohl stehen könnte!!!
    Naja, kann eben nicht jeder so gewissenhaft Buchstaben schreiben..ich glaub ich denke zu schnell :) ..
    Ach ja, hab schon in der Schule NIE ein Heft wirklich voll geschrieben, fing immer ein neues mit den besten Absichten an.. und schon bald mußte ein anders her..
    LG, Petra

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